Gastkolumne: MUTTER, MUTTER, VATER, KIND // EIN KIND, DREI GLEICHBERECHTIGTE ELTERNTEILE





"Arbeiten, bis die Fruchtblase platzt.." war Elisabeths {bei Instagram lottalove_usa} erste Gastkolumne auf Oh Wunderbar. Der Beitrag war toll, er war kritisch, ich wollte mehr davon. Und gibt es nun auch - mehr von Elisabeth. Eine deutsche Journalistin, die in Washington lebt. 

Heute schreibt sie über ein kleines Mädchen in den USA, das  ganz offiziell gleich drei gleichberechtigte Elternteile hat und damit  US-amerikanische Geschichte schreibt. 



Mutter, Mutter, Vater, Kind


Ob ich einen Vormittag Zeit hätte um auf ihre Tochter aufzupassen, fragte mich meine Freundin Olivia (*Name geändert) von mir vor ein paar Monaten. Na klar! So fuhr ich mit in ein Gerichtsgebäude irgendwo in Washington, schaukelte statt meinem Baby-Mädchen, das meiner Freundin hin und her. Und war beiläufig dabei, wie Geschichte geschrieben wurde. Aber lest selbst. 

"Ich fühle mich wirklich wie vor dem Abi. Du hast alles vorbereitet, dir Antworten auf mögliche Fragen überlegt.. Aber was sie fragen? Wie sie drauf sind? Das weiß man nicht.", Tim schiebt seine Tochter Emma im Kinderwagen einen langen Gang entlang. Um ihn herum Gewusel, Herren in Anzügen und Frauen in Business-Kostümen, die Mappen unterm Arm geklemmt. Jeder hier hat immens Wichtiges zu tun, einen wichtigen Termin. So wie Tim. Tim ist an diesem Mittwoch Morgen im Gerichtsgebäude von Washington D.C., um das Sorgerecht für seine fünf Monate alte Tochter Emma zu bekommen. Seit Monaten hat er darauf gewartet.

Olivia, Emmas Mutter, nimmt ihn in den Arm: "Das wird schon. Alles wird gut! Es ist doch großartig. Wir bekommen heute etwas, was wohl noch niemand vor uns in den USA erreicht hat. Ich bin mir sicher", lacht Miriam. Auch Miriam ist Emmas Mutter. 

Baby Emma hat zwei Mütter. Olivia ist Britin, Miriam Amerikanerin. Die beiden Journalistinnen lernten sich bei der Arbeit kennen und sind seit über fünf Jahren ein Paar. Im September 2014 heirateten sie in England und zogen daraufhin in die USA, der Arbeit wegen. Da war Olivia schon schwanger, im vierten Monat von Tim. 

Die beiden Frauen wussten schon immer, dass sie gemeinsame Kinder wollten. Doch anders als viele gleichgeschlechtliche Paare entschieden sie sich gegen eine anonyme Samenspende. Denn Miriam und Olivia kennen Emmas Vater nicht nur, der deutsche Tim ist Olivias langjähriger schwuler Freund aus Teenagertagen. 

"Tim und ich haben schon früh darüber gesprochen, irgendwann gemeinsam Kinder zu haben" sagt Olivia, "aber damals war es noch nicht so ernst gemeint, schließlich gab's eine Zeit, in der ich selbst einen Freund hatte..". Aber dann kam Miriam. Und Miriam mochte die Idee: "Es ist doch toll, dass Emma weiß, wer ihr Vater ist. Und dass er in ihrem Leben ist und sie wirklich einen Vater hat. Tim ist großartig!"

Schon während der Schwangerschaft war klar: Tim würde einen Platz im Leben von Emma haben. Die letzten Wochen vor der Geburt zog der Gehirnforscher von seinem Apartment in Montreal vorübergehend zum Ehepaar nach Washington. Zu dritt kochten sie, musizierten gemeinsam. Dann, am 19. Februar, platzte Olivias Fruchtblase. Zu dritt die ersten zähen Stunden zu Hause. Die Fahrt zum Krankenhaus. Zu dritt im Kreißsaal. 
"Die Krankenschwestern haben wohl nicht verstanden, wer zu wem gehört" erinnert sich Miriam. "Als ich kurz nach Tim und Olivia in den Kreißsaal wollte, weil noch das Auto geparkt hatte, meinte die eine Schwester "Moment, Sie können da nicht rein. Die Frau da drinnen bekommt gerade ihr Kind" und ich nur: "Ja, sie bekommt mein Kind!". 

Im Februar, ein paar Tage vor der Geburt, trafen sie sich mit ihrer Anwältin, die sich in den USA für die Rechte lesbischer Paare einsetzt. In Amerika sind die Gesetzte von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden. In Washington D.C. gilt, dass derjenige Elternteil automatisch das Sorgerecht bekommt, der zu dem Zeitpunkt der Geburt mit der leiblichen Mutter verheiratet ist. Somit wurde Miriam als zweite Sorgenberechtigte in die Geburtsurkunde eingetragen. Die Argumentation der Anwälten für das Sorgerecht für drei Menschen: Da der leibliche Vater die gleichen Rechte hat, wie die leibliche Mutter, muss auch er berechtigt sein, das Sorgerecht zu haben. 

10 Uhr. Die Flügel der Holztür schwingen auf, die Anwältin winkt die Drei zu sich. Tim schiebt den Kinderwagen, Emma schläft, die Erwachsenen schweigen. Im Anhörungssaal sitzt eine farbige Richterin, ihre langen Dreadlocks sind streng zu einem Zopf nach hinten gebunden. Sie tippt an ihrem Computer. Eine Gehilfin der Richterin kommt zügig auf die Familie zu. Nein, alle wieder raus. In den Zeugenraum. Sie dürfen nicht mitbekommen, was jeweils der andere unter Eid sagen wird. Im kargen Nebenraum heißt es nun wieder: warten. 

Gespräche. Schön war's doch am Wochenende, auf dem Festival in Boston. Nein, Tim muss nicht mehr zurück nach Kanada. Seine Umzugskisten sind gepackt und schon auf dem Weg nach Amsterdam. Schweigen. Nervöses Kichern. Gequältes Seufzen.

10.07 Uhr. die Tür geht auf, Olivia soll als erste aussagen. Die Tür fällt zu, nur um gleich wieder aufzugehen. Jetzt sollen doch alle drei in den Saal kommen. Nur 10 Minuten später. Die drei kommen aus dem Gerichtssaal. Tim sind alle Gesichtszüge entglitten, Miriam lacht nervös: "Falscher Fall. Die Richterin hat einen ganz anderen Fall vorbereitet. Sie dachte, es ginge um einen Sorgenrechtsstreit nach einer Trennung". 

"Sie wird es machen, sie wird es sowas von machen" versichert die Anwältin. "Als ich ihr vorgetragen habe, worum es geht, konnte ich sehen, wie phänomenal sie den Fall findet. Sie brennt darauf, diejenige zu sein, die darüber entscheidet!"

Emma wacht auf und Olivia gibt ihr die Brust. Miriam schaut auf ihr Handy. "Ich rufe im Büro an, das kann hier ja noch eine Weile dauern".

Wieder warten. Die Anwältin verschränkt ihre Arme und lehnt sich an die Wand. Mit jeder Minute schwindet die Zuversicht, dass heute noch etwas geschieht. Dabei sollte sich doch heute endlich das lange Warten, die monatelange Vorbereitung auf diesen Tag auszahlen. Emma strahlt auf Tim Arm Miriam an, die mit ihr Faxen macht. "Unsere kleine Maus bekommt wenigstens von all dem nichts mit!" sagt Tim. 

11.10 Uhr. Olivia drückt mir Emma in den Arm. Die Anwältin ist sichtlich nervös und fragt, ob ich ihre Zeugin sein könnte. Für den Fall der Fälle. Falls die Richterin das alles nicht glaubt. Falls sie noch mehr Gründe braucht, falls sie sich nicht vorstellen kann, dass Tim genauso involviert ist, wie die Mütter. Denn darum geht es: Tim möchte als gleichberechtigt angesehen werden. Nicht nur von Freunden und Familie, sondern ganz offiziell der Vater sein. 

"Na klar" sage ich und hoffe inständig, dass es nicht soweit kommt. Ich möchte am Ende nicht diejenige sein, die es braucht, um bei solch einer großen Entscheidung die entscheidende Rolle zu spielen. Ich bin heute lieber Babysitterin. 

Tim, Miriam und Olivia verschwinden im Gerichtssaal. Die Anspannung ist jedem ins Gesicht geschrieben. Zurückgelassen mit Emma schaue ich mir das kleine Wesen an und denke: "Hast du eigentlich eine Ahnung, was hier gerade passiert?"

Um 11.40 Uhr steht fest. Emma hat drei Eltern, nun auch ganz offiziell. 

Tim seufzt erleichtert, alles wird auf einmal leicht. Ein paar Tränen kullern über sein Gesicht, Olivia umarmt ihn, und umarmt Miriam. 

Im Restaurant gleich neben dem Gerichtsgebäude knallen die Korken. Olivia küsst Emma. Die Anwältin knipst mit dem Handy ein Erinnerungsfoto fürs Familienalbum. "Kann ich bitte mal meine Tochter halten?" lacht Tim und sagt: "Diese Entscheidung bedeutet alles für mich. Wenn man so will, kann man sagen, dass wir Geschichte geschrieben haben. Aber eigentlich ist es nur wichtig für mich, für uns als Familie. Für unsere eigene Lebensgeschichte ist das wichtig!"

Denn für den schwulen Tim ist es ein Signal an alle konservativen Menschen da draußen, für die es immer noch schwer vorstellbar ist, dass es heute schon längst nicht mehr klassische Form der Familie gibt. Mittlerweile sind Patchwork-Familien, in den buntesten und kuriosesten Formen fasst normal, nicht der Rede wert. Aber Schwule oder ein lesbisches Paar mit einem eigenen Kind? Unvorstellbar, verantwortungslos.. ekelhaft?!

Gerade letzte Woche erzählte ich einer Mutter auf dem Spielplatz von Emma und ihren Eltern. Schockiert schaute sie mich an: "Gott, was erzählen die denn später ihrem Kind? Die müssen doch auch mal an das Wohl ihres Kindes denken.."

Und ich war fassungslos und wütend. Ich kenne Emma, ihre beiden Mütter und ihren Vater sehr gut. Emma wird geliebt und sie ist ein Kind der Liebe. Die Entscheidung, dass es Emma geben sollte, wurde bewusst gefällt, denn ja - in diesem Fall passierte es wirklich "nicht einfach so". Sie muss also ein absolutes Wunschkind sein. Die Familie wohnt bei uns in der Nachbarschaft. Meine Tochter ist zehn Tage jünger als Emma. Sie sehen sich fast jeden Tag und sind schon jetzt beste Freundinnen. Die besondere Familienkonstellation ist in unserem Alltag gar nicht besonders. Nur letzte Woche auf dem Spielplatz wurde mir wieder bewusst, wie viel Unverständnis, das scheinbar durch Unwissenheit und Ignoranz entsteht, es manchmal doch gibt. 

Ich wünsche mir, dass die Generation unserer Kinder, die meisten von ihnen sind Babies oder sind noch nicht einmal geboren, damit aufwachsen, dass es egal ist, wer wie viel eEltern hat, ob Mann und Frau, nur Mann, oder Mann und Mann, oder..

Ich möchte, dass nur wichtig ist, dass diese Kinder geliebt werden und sie diese Liebe weitergeben. Bald wird meine Tochter sprechen und natürlich wird sie merken, dass Emma eine andere Familie hat als sie selbst. Dass Emma zwei Mütter und einen Vater hat. Und dann wird sie eventuell zu mir kommen und fragen: "Du Mama, wieso habe ich eigentlich nur zwei Elternteile?" Genau, Emma hat es gut. Sie hat gleich drei Elternteil und ist ein glückliches, erfülltes kleines Mädchen. 

Leben und leben lassen. Lieben und lieben lassen. Dann wäre uns allen doch schon ein gutes Stück geholfen. 


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