OH MAMA - NIE VERGESSEN, IMMER DA





Ein Baby, welches nicht geboren werden sollte!

Ich war so glücklich, das Strahlen konnte ich mir die letzten Tage und Wochen kaum verkneifen. Eigentlich war ich davon überzeugt, alle sehen es mir an - mein Glück, meine Freude. Und tatsächlich - mir wurde häufig gesagt, wie sehr ich von innen strahlen würde, wie glücklich ich wirkte. Und ja, dachte ich - ich bin vollkommen glücklich, und mit keiner Sekunde habe ich daran gezweifelt, dass man mir dieses Glück wieder nehmen konnte. Am Tag davor gingen wir spazieren und waren zusammen in der Pizzeria. Ich fühlte mich gut, ich war voller Energie, und ich war glückselig. Die Nacht schlief ich schlecht, ich kann es nicht in Worte fassen - bis heute nicht. Aber als ich morgens aufstand, wusste ich, irgendwas ist anders. Ich arbeitete an diesem Tag viel, die Aushilfe hatte sich krank gemeldet und so stand ich da und musste das Tagespensum allein schaffen. Purer Stress. Packen, Versand, Büroarbeit, Telefon.  Und immer wieder das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist. Um 17 Uhr war ich fix und fertig, ich fuhr nach Hause und ging mit dem Hund spazieren. Das Ziehen und Unwohlsein wurden stärker und als ich bei meinem Arzt anrief, teilte mir die Sprechstundenhilfe mit, dass jetzt keine Zeit sei. Ich könnte frühestens am nächsten Vormittag vorbeischauen. Ein dumpfer Schmerz in meiner Magengegend, unterbewusst wusste ich schon längst, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist. Deshalb legte ich mich zu Hause hin und ruhte. Und am Abend setzten Blutungen ein. Ich weinte und war verzweifelt. Ich sagte es dem Mann und wir fuhren in die nächstgelegene Klinik. Wir wussten nicht, dass hier keine Frauenklinik vorhanden ist. Und so horchte der Arzt meinen Bauch mit seinem Stethoskop ab, er drückte mit seinen Händen fest in meinen Bauch. Alles kam mir so wirr vor, so falsch. Wie sollte er mit seinen Händen und seinem Stethoskop feststellen, ob es dem Embryo in meinem Bauch gut gehen sollte. Ich weinte. Die Tränen fühlten sich heiß an und ich verspürte Panik. Angst, pure Angst um dieses kleine neue Leben in meinem Bauch. Gerade einmal knapp 11 Wochen alt. Man verwies mich in die nächste Klink und so fuhren wir direkt weiter, in die Notaufnahme. Es war voll, lauter Notfälle und doch war man so lieb und hilfsbereit und man gab mir das Gefühl, das Baby in meinem Bauch wäre wichtig. Man machte einen Schwangerschaftstest und er fiel weiter positiv aus. Ich war für einen kurzen Moment erleichtert. Vielleicht haben die Blutungen gar nichts zu sagen, vielleicht sorge ich mich vergeblich.. Und so schickte man mich in die Frauenambulanz. Der Gang war dunkel und wir waren allein. Ein kahler Warteraum, kein Licht, nichts. Und hier saßen wir. Eine Stunde, zwei Stunden..  Meine Schmerzen und Blutungen verstärkten sich. Keiner kam. Henry lief zum Kreißsaal und versuchte, eine Schwester oder einen Arzt zu erreichen. Nichts. Es wäre nur eine Ärztin anwesend und diese wäre gerade im Kreißsaal. Und so musste Henry Heim, Anni wäre sonst allein gewesen. Und so saß ich da, in diesem völlig menschenleeren Gang. Stunde für Stunde und es kam keiner. Irgendwann, war es Mitternacht, mein Kleid war blutverschmiert und es war noch immer niemand da. Ich weinte und weinte, lief unter Tränen Richtung Kreißsaal und sprach die erstbeste Schwester an.. "Die Ärztin hat gerade keine Zeit!" sagte sie. Ich solle wieder zurückgehen und warten. Und das tat ich, weinend. Wohl wissend, dass mein Baby nicht mehr da ist. Ich wusste es einfach. Gegen 1 Uhr in der Nacht kam dann die Ärztin, sie war müde und überreizt. Ich mache ihr keinen Vorwurf, aber sie war sehr harsch in ihrem Ton, sie maulte mich an und fragte, warum ich nicht einfach hier hätte warten können.. Dabei saß ich hier, seit fünf Stunden, in diesem dunklen Gang, voller Angst und Kummer. Sie untersuchte mich und fand keine tröstenden Worte. 

"Man kann nichts mehr sehen!" sagte sie. "Sie hatten wohl einen Abgang!". Ich lag auf dem Stuhl und weinte. Dieses Kind war ein absolutes Wunschkind und ich konnte mit dieser Nachricht gar nicht umgehen. Auch wenn mein Unterbewusstsein es geahnt, es gewusst hat - es tat so fürchterlich weh. Es schmerzte so sehr und  ich war so voller Trauer. Unser Baby, nicht mehr da. Ich verließ die Klinik, es war nachts, es war kühl und ich lief umher. Ich wusste nicht, wohin mit mir. Mir kullern noch immer die Tränen über das Gesicht, wenn ich an diesen Tag zurück denke. Dieses dumpfe Gefühl, diese Wut, diese Hilflosigkeit. Ich fragte mich, ob ich zu wenig auf mich geachtet, zu viel gearbeitet hätte. Ich fragte mich, ob es meine Schuld war. Ich war so verletzt, weil diese Ärztin, sicherlich nicht viel älter als ich, so ruppig mit mir war, so gefühlskalt. Das war mein Baby, auf das ich ich mich gefreut habe. Es war nicht nur erwünscht, es war gewollt. Ich liebte es. Und nun sollte es nicht mehr da sein. Und so irrte ich weiter umher, war erst nicht bereit, Henrys Anruf entgegen zu nehmen und dann, als ich bereit war, weinte ich bitterlich. Er sammelte mich ein, er hielt mich und gab mir Trost. Und doch habe ich all das nur schwer verarbeiten können. Kaum jemand wusste davon, wollten wir doch die 12 Wochen abwarten. Es allen erst erzählen, wenn unser Baby es aus der "kritischen Phase" heraus geschafft hat. Das hat es aber nicht. Es hat diese Zeit nicht geschafft. Und es war fürchterlich für mich, diesen Verlust mit niemanden teilen zu können. Sicherlich hätte ich es besser verarbeiten können, hätte ich jemanden gehabt, der mich in dieser schweren Zeit hätte auffangen können. Aber da war, abgesehen von Henry, niemand. Und ich bin Henry so dankbar, für die Worte, die er gefunden hat. Oder auch für die Worte, die er nicht gefunden hat.

Ich wollte kein Baby mehr. Die Angst, einen weiteren Verlust verkraften zu müssen, war viel zu groß. Und dann machte sich Mimi auf den Weg, fast unerwartet. Die ersten Wochen war ich fast starr vor Sorge und Angst. Jedes Ziehen bereitete mir Kummer, jedes Drücken pure Angst. Ich konnte mich nicht freuen, ich wollte es nicht. Was wäre, wenn dieses Baby es ebenfalls nicht schaffen würde? Die ersten zwölf Wochen waren eine reine Gefühlsachterbahn. Angst, Freude, Kummer, Euphorie, Sorge, Glück. Und dann, es war in der 14. Woche, begann sich dieser innere Knoten zu lösen. Ganz langsam, aber sicher. Und ich konnte mich freuen und habe jeden Tag genossen, geliebt, jeder Tag ist unvergessen. Und nun sehe ich mein Mädchen, wie sie gesund ist und immer größer wird. Meine beiden Mädchen. Ich bin dankbar. Tag für Tag, und doch ist dieses kleine Menschenskind, welches es nicht geschafft hat, nicht vergessen. Niemals. Ich liebe es und es gehört zu mir, immer. Aber ich kann mit diesem Verlust, mag er auch noch ganz am Anfang gewesen sein, viel besser umzugehen. Ich muss ihn nicht verdrängen, denn dieses Baby ist Teil von uns. Unvergessen, für immer in unseren Herzen. 

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