Gastkolumne: DAS SCHICKSAL IST KEIN MIESER VERRÄTER // EIN KLEINER PUNKT, DAS GROSSE GLÜCK





Heute hat die liebe Lisa {Instagram: Lisamamafe} ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen. Hatten ihr Ärzte noch prophezeit, dass sie evtl. niemals Mutter werden würde.. ist sie heute Mama von zwei wunderbaren Kindern. Aber lest selbst!

Das Schicksal ist kein mieser Verräter,
ein kleiner Punkt, das große Glück! 


Ich beendete freiwillig, mitten in den Abivorbereitungen, die Waldorfschule Wir hatten gerade Gemeinschaftskunde und ich hatte das Gefühl, hier falsch zu sein. Es ist schwer zu beschreiben, aber es fühlte sich einfach falsch an. Es tat mir nicht gut. 

Ich war erschöpft. Schwindel, Erbrechen, Stimmungs-schwankungen erschwerten und bestimmten meinen Alltag. Mein Gynäkologe war kurz darauf der Meinung, den Grund für all das zu kennen. Zysten an meinen Eierstöcken. Ich musste operiert werden.  Zysten an den Eierstöcken, und ich sollte nie Mutter werden. Ich war fassungslos. Ich fühlte mich leer. Mit nur 19 Jahren schon so leer und müde. 

Ich ließ mich operieren. Es sollte alles noch schlimmer werden. Als ich meine Augen im im Aufwachraum öffnete, saß bereits der Oberarzt vor mir. "Frau P." sagte er. "Die OP verlief gut. Aber wir haben in ihrem Bauch einen Tumor entdeckt. Wir wissen noch nicht, ob er gut- oder bösartig ist..". Er redete und redete, doch ich konnte ihm nicht folgen. Ich war verwirrt. Gerade erst wach geworden, fragte ich mich, ob dies die Realität oder ein schlechter Narkosetraum wäre. Leider war es kein Traum, es war real, es war echt. Der Grund für meine körperlichen Probleme war also ein Tumor. 

Es folgte ein schreckliches Jahr. Ich verlor meinen Freund. Eine kranke und schwache Freundin, das war nichts für ihn. Auch Freunde distanzierten sich von mir. Ich war einfach nicht mehr lebensfroh und unbekümmert genug, so schien es mir. Als wäre ich ihnen lästig. Arztbesuche wurden mein Alltag. Ich nahm von dem Kummer stark ab, nur noch 36 kg wog ich am Ende. Der Tumor musste entfernt werden, nur war ich zu dünn. Ich musste erst zunehmen, der Eingriff wäre sonst zu riskant gewesen. Dieses Wort "Tumor" war so gewaltig, so bedrohlich. Wie ein eine Gewitterwolke, die mich bedrängte. 

Ich traf meine Grundschulliebe nach vielen Jahren wieder. Wir spazierten, kochten, lachten und verbrachten jede freie Minute miteinander. Dieser Kerl lernte mich von all dem Ungewissen, meinen Ängsten ab. Und er versuchte alles, um mich Lächeln zu sehen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich Hals über Kopf in ihn zu verlieben. Wir wurden ein Paar und er gab mir Kraft. 

Ich hatte wieder stärker mit Schwindelanfällen und Übelkeit zu kämpfen. Ich nahm eifrig zu, so dass ich endlich operiert werden konnte. 

So kam der 27. Februar 2012. Ich hatte meinen Termin in der Universitätsklinik Eppendorf für die OP-Vorsorgeuntersuchung. An diesem Tag sollte eine Gewebeprobe entnommen werden. Die Ärztin machte vorab einen Ultraschall uns sagte mir anschließend, dass sie noch eine Blut- und Urinprobe machen würde. Es sei etwas in der Gebärmutter. Ich hatte große Angst und war starr. Reicht denn der Tumor nicht? Habe ich etwa noch einen weiteren? So viele Gedanken schwirrten in meinem Kopf umher, ich konnte sie einfach nicht ordnen, war panisch und voller Angst. 

Nach der Blutabnahme und dem Urintest saß ich im Flur. Die Wartezeit fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Ich lief auf und ab, ruhelos. Schwestern und Ärzte zogen vorüber und lächelten. Doch mir war nur nach weinen. Die Wartezeit wollte einfach nicht enden..

Endlich, mein Name. Ich war erleichtert und doch so voller Angst. Ich wollte mich klein machen. Ich war davon überzeugt, dass er jeder meinen Herzschlag hören könnte. Jeder. Mein Herz, es raste und hämmerte und schlug so schnell. Und dann zeigte mir der Arzt ein Bild. Es war grau - mal heller, mal dunkler, und mittendrin ein Punkt. 

"Herzlichen Glückwunsch, sie sind schwanger!" sagte er. 

Mein Baby. Ein kleiner grauer Punkt. Der wohl schönste Punkt, den ich jemals gesehen habe. Mein kleiner Punkt. Ich wusste direkt, dass jetzt alles anders werden würde. Doch wie würde ich das meinem Freund erklären? Ich nahm doch die Pille. Ich fragte meinen behandelnden Arzt, ob ich sicher schwanger sei. Er nickte. 

Der Tumor würde meinem Kind nicht schaden. Es gab aber nur zwei Möglichkeiten. Entweder der Tumor oder unser kleiner Punkt. Nur einer würde es schaffen. Tumor oder Baby. Noch für den Nachmittag vereinbarte ich einen Termin beim Gynäkologen. Und da klingte es, mein Telefon. Mein Freund rief an. Wann ich nun operiert werden würde, fragte er. Als ich ihm erzählte, dass es erst einmal keine Operation geben würde, freute er sich riesig. Ich verriet ihm aber noch nicht den Grund. Zu sehr hatte ich Angst vor seiner Reaktion, ich würde es ihm persönlich sagen. 

Und so fuhr ich Hand in Hand mit meiner Mama nach Hause, mit meinem kleinen grauen Punkt im Bauch. Ganz ehrlich - mein Freund musste diesen Schreck erst einmal sacken lassen. Wir waren erst zwei Monate ein Paar und wollten es langsam angehen lasen. Es war wohl Schicksal, es sollte wohl so sein, alles. 

Ich wollte kämpfen. Für mein Pünktchen, für mich, für uns als Paar und Familie. Ich wollte eine starke und gesunde Mutter werden, lieben und sorgen. Diese Lebenslust und der damit verbundene Kampfgeist war mir fremd. Noch nie zuvor habe ich mich so lebendig gefühlt. Natürlich hatte Angst, Angst zu versagen, keine gute Mutter zu sein und überhaupt, ich konnte mir die Zukunft gar nicht richtig vorstellen. Trotz der Ungewissheit und der Angst war es das große Glück.

Mittlerweile habe ich zwei wundervolle Kinder. Ich bin glücklich und gesund. Meine erste Schwangerschaft hat den Tumor schrumpfen lassen. Ich habe seither keinerlei Probleme. Ich lasse ihn jedes Jahr kontrollieren, er wird immer kleiner und unbedeutender. 

Ich bin dankbar und glücklich, und ich bin lebensfroh. Eine Zweifach-Mama mit viel Liebe, Kraft und Mut. 

           

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